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Frauenstudium in Europa

"Femina docta" oder "virgo docta" in der Frühen Neuzeit.  Seit der Frühen Neuzeit standen einzelne Universitäten Frauen offen und zwar in der Regel nicht zum Studium - dieses erfolgte meist auf Basis von Privatstunden oder Selbststudium - sondern zur Promotion. Frauen, die sich ausserhalb der Universität Wissen aneigneten und an einer Universität promovierten, wurden femina docta oder virgo docta genannt und als etwas Übernatürliches verehrt: Als Trägerin eines "männlichen Geistes" einerseits, vergleichbar mit einer Amazone, andererseits als tugendhafte Jungfrau, Gattin oder Mutter, die dem traditionellen weiblichen Rollenbild entspricht.

 

Die Geburt der femina docta in der Renaissance darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Situation für die Frauen hinsichtlich ihrer geistigen Emanzipation mit dem Renaissance-Humanismus auch verschlechterte. Mit dem 16. Jahrhundert begann eine der Frauenemanzipation gegenläufige Entwicklung, massgeblich beeinflusst von der Reformation, in der die vermeintlich gottgewollte Rollenteilung zementiert wurde: Die Rolle der Frau war die der dienenden Hausfrau. Wenn Frauen wie die feminae doctae die Möglichkeit ergriffen, sich zu bilden, so betraf dies immer nur die Schicht des Adels oder des gehobenen Bürgertums und auch dort nur Ausnahmen. In der Unterschicht waren gebildete Frauen kein Thema.

 

Erste Promotion einer Frau. Eine Vorreiterrolle in Bezug auf Frauen an der Universität übernahm Italien: 1678 promovierte Elena Lucrezia Cornaro Piscopia (1646 - 1684) als weltweit erste Frau, und zwar an der Universität von Padua zum Dr. phil.

 

Erste Professur einer Frau. Die zweite Frau, die promovierte, war Laura Bassi (1711 - 1778) an der Universität von Bologna. Als 20jährige erhielt sie 1731 die Doktorwürde in Physik und als erste Frau überhaupt noch im gleichen Jahr einen Lehrstuhl an einer Universität.

 

Erste Hörerin. Anna Maria van Schurman (1607 - 1678) war die erste Frau, die als Gasthörerin an Vorlesungen teilnehmen durfte, allerdings nur von einer vergitterten Kabine oder - je nach Quelle - von einer mit einem Vorhang bedeckten Nische aus. Sie hörte Vorlesungen an der Universität von Utrecht. Ihr Beispiel zeigt, welche Chancen sich Frauen in der Frühen Neuzeit boten und wleche Grenzen ihnen gesetzt waren. Durch eine Privaterzeihung und Selbststudium erreichte die "virgo docta" van Schurman in Philologie, Philosophie und Theologie das Niveau der grössten Gelehrten ihrer Zeit. Als "Stern von Utrecht" wurde sie zum WAhrzeichen des goldenen Zeitalters der Niederländischen Wissenschaft. Die akademische Laufbahn blieb ihr aber verschlossen.

 

Im Unterschied zu den Frauen, die im 19. Jahrhundert den Zugang zur Universität als ordentliche Studierende forderten, hatten die Frauen in der Frühen Neuzeit ihr Wissen ausserhalb der Universität erworben und allenfalls Prüfungen an der Universität abgelegt. Infolge der wirtschafltichen Veränderungen durch die Industrialisierung im 19. Jahrhundert konnten viele Töchter nicht mehr wie bis anhin in ihren Familien arbeiten. Die Familien hatten daher zu wenig Auskommen. Die Bildung an der Universität war eine Möglichkeit, eine berufliche Tätigkeit und somit ein Einkommen zu generieren.

 

In der Schweiz konnte das Frauenstudium relativ früh Fuss fassen: 1840 verzeichnete die Univerität Zürich die ersten Gasthörerinnen, ab 1867 waren Frauen zum ordentlichen Studium zugelassen. In England, Russland und Skandinavien waren Frauen seit den 1870er Jahren, in Spanien, Belgien und Serbien seit den 1880er Jahren zum Studium zugelassen.